Giancarlo Erra – Departure Tapes – Album Review

Giancarlo Erra – Departure Tapes
Herkunft:
Italien / UK  
Release:
02.07.2021
Label: Kscope Music
Dauer:
45:55
Genre:
Ambient / Progressive Rock / Progressive


Wer die Releases des UK stämmigen Musiklabels Kscope aufmerksam verfolgt, dem sind bestimmte Namen von Musikern und Bands gängig und bekannt. So wird dem geneigten Hörer der Name Giancarlo Erra wohlig im Ohr klingen, ist Erra doch der Kopf der Formation Nosound, das durch einige Outputs eine beachtlige Fanbase aufweisen kann. 

2020: Ein Schicksalsjahr, auch für Erra

Nachdem 2019 das Leben vieler auf den Kopf gestellt hat, war Erra nicht nur pandemiebedingt gezeichnet, sondern auch durch den Verlust seines Vaters, der an Krebs verstarb. All diese Emotionen verarbeitet der Multiinstrumentalist nun in Departure Tapes. Ein Album bestehend aus sechs kontemplativen Aufnahmen, die während einer Reise zwischen Großbritannien und Italien entstanden sind. Die meisten der Tracks improvisierte Erra im Studio, was ihnen eine einzigartige Stimmung verleiht, die vor echter Emotionen nur so strotzt und den Hörer mitnimmt. Nicht nur im Sinne der eigentlichen Reise, sondern auch durch die dargebotenen Emotionen, die kaum ein anderer so plakativ und doch subtil wiedergeben kann wie der Künstler Giancarlo Erra.

Dass das zweite Soloalbum experimenteller als das 2019 erschienene Solo Debüt Ends I-VII sein soll, wusste er von Anfang an. Dass es allerdings dermaßen neue Wege beschreiten würde, wurde ihm erst klar, als er mitten im Prozess war.

“das experimentellste und zeitweise auch dunkelste Material, ohne Kompromisse”

Seit frühester Jugend hatte Giancarlo Erra ein gebrochenes Verhältnis zum Vater, eine meist konfliktreiche Beziehung über die Jahre. Dies änderte sich erst, als der Vater an Krebs erkrankte. Erra selbst sagt dazu: “Es ist das erste Album, das ich geschaffen habe, ohne mir bewusst zu sein, dass ich es eigentlich schreibe, da es so eng mit einem der härtesten und doch heilenden Abschnitte meines Lebens verbunden ist. Das Endergebnis ist das experimentellste und zeitweise auch dunkelste Material, das ich je geschrieben habe, ohne Kompromisse oder einen festen Plan. Es enthält alle Elemente meiner Musik auf eine sehr unbewusste, frei fließende Weise.”

Den Beginn macht der Track Dawn Tape. Ein von Klavier getragenes Ambient Stück, das den Hörer in eine rauschende Einöde mitnimmt und auf das Album einstimmt. Streicher und ein Keyboard gesellen sich zurückhaltend dazu und eine meditative sechsminütige Reise beginnt. Previous Tape ist dagegen beinahe lieblich reizend und hoffnungsfroh, wenngleich auch nur eine knapp zweiminütige Bridge. 

169th Tape spiegelt beinahe Hoffnung, die von Unwound Tape richtiggehend umhüllt wird. Erra versteht es wahrhaftig Emotion in Klang umzuwandeln.

Departure Tapes – mehr als eine Reise

Das Titel gebende Departure Tape bildet mit beinahe 17 Minuten Spielzeit eine komplette Abbildung Erras Reise. Der Reise durch UK und Italien, der Reise durch alle Stadien der Sterbebegleitung, der Trauer, des Todes. Unglaublich, wie experimentell sich der Künstler hier zeigt. Wie vulnerabel und doch resilienter denn je die Klanglandschaften sich hier verändern dürfen. Ein Meisterwerk! 

Den Abschluss bildet A Blues For My Father, das alles andere als ein Blues ist. Dies ist greifbare Trauer, wie sie nur jemand verarbeiten kann, der sie empfindet. So viel Gefühl, dass es beim Hören schmerzt und man Giancarlo Erra in den Arm nehmen möchte um ihm zu sagen, dass alles gut wird. 


Fazit
So viel Emotion und Tiefe wie Giancarlo Erra in Departure Tape an den Hörer bringt, ist in dieser Form nicht annähernd vergleichbar zu finden. Kaum ein Intrumentalist kann Gemütsbewegungen dermaßen gekonnt transportieren. Ein experimentelles Meisterwerk, das von mir satte 8,5 / 10 bekommt. 

Line Up
Giancarlo Erra – alle Instrumente

Tracklist
01. Dawn Tape 
02. Previous Tape
03. 169th Tape
04. Unwound Tape 
05. Departure Tape 
06. A Blues For My Father

Links
Facebook Giancarlo Erra
Soundcloud Giancarlo Erra


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