Electromancy – Nachgefragt bei Step Tranovich – Interview

Ein bretthartes erstes Vollzeitwerk hat Step ‘Satyra’ Tranovich mit seinem Projekt Electromancy, einer Auswahl Robot Mannequins und Technopagan geschaffen. In einem Interview durfte ich erfahren, wie schmerzvoll sich der Entstehungsprozess des grandiosen Werkes gestaltet hat.

You can find the original Interview in english HERE


Ingo (Soundmagnet.eu): Zunächst einmal Glückwunsch zur Vollendung von Technopagan! Ich mag das Album sehr. Mal direkt gefragt: War der Aufwand und die Arbeit, die du in das Album gesteckt hast, besonders schwierig?
Satyra (Electromancy): Für diejenigen, die nicht mit dem Projekt vertraut sind, Electromancy ist entstanden als ich chronisch an Borreliose erkrankte und dadurch eingeschränkt wurde. Das war der Grund, warum ich physische Roboter gebaut habe um die Musik für mich spielen, da ich mit den Nervenschäden keine mehr selbst spielen kann.
Diese Roboter spielen all die Musik, die du auf Technopagan hören kannst. Diese Roboter zu bauen war ein langer und absolut physisch schmerzvoller Prozess. Wie auch das Komponieren, Aufnehmen und alles anderes schmerzte und sich hinzog. Nicht selten muss ich Wochen oder sogar Monate pausieren, weil mein Körper nicht mehr konnte. Aber war es das wert? Absolut! Die Roboter zu bauen und die Musik zu schreiben und auf meine eigene Art und Weise zu spielen hat mir soviel Drive und Karthasis beschert. Technopagan ist nicht einfach ein Album darüber, wie ich mit meiner Krankheit umgehe. Es ist die Art wie ich damit umgehe. Eine der verschiedenen Therapien und emotionalen Ventile die mir geholfen haben diese Phase mit emotionaler Resilienz durch zu stehen

Die Roboter zu bauen […] hat wirklich eine Menge an kreativem Potential das ich in mir hatte gelöst und Musik floss aus mir heraus wie nie zuvor.

Ingo: Magst du etwas über die Geschichte und den Entstehungsprozess von Electromancy verraten?
Satyra: Gegen Ende 2018 fingen die Gefühlsverluste in meinen Fingern an, und diese verbreiteten sich zu meinen Füßen und Schmerzen verbreiteten sich durch die Nerven meines Körpers. Ich konnte physisch kein Instrument länger für mehr als eine Minute ohne brachiale Schmerzen spielen. Der Gedanke in Zukunft nie wieder in der Lage zu sein Musik machen zu können hat mich erschreckt. In den ersten Monaten meiner Behinderung hatte ich bereits Designs für Roboter begonnen, die die Instrumente für mich spielen.

Kreativität war in vielerlei Hinsicht gefragt

Ich legte Kupferband auf dem Boden aus und verband es mit einem Mikrocontroller, sodass ich mit meinen Füssen Musik komponieren könnte. Ich bat Freunde, die am Computer saßen und mir halfen Leiterplatinen zu entwerfen und ich lötete diese Leiterplatinen nach und nach langsam zusammen, immer ein paar Stück auf einmal, bis ich eine Pause brauchte und am nächsten Tag weitermachte. So kamen langsam ein paar Gitarren zusammen und dann das Schlagzeug und ich baute sogar ein paar Bandkollegen in Form von Männchen zusammen.

Diese Roboter zu bauen hat es mir nicht nur erlaubt Musik zu spielen, es hat wirklich eine Menge an kreativem Potential das ich in mir hatte gelöst und Musik floss aus mir heraus wie nie zuvor. Für das bin eigentlich sehr dankbar. Das Ergebnis dieser Verrücktheiten ist Electromancy, die Robot Metal Band.

Ingo: Ich mag das Artwork und wie es eine physisch gebrochene Persönlichkeit darstellt. Und wie der leere Kopf die psychischen Probleme wiederspiegelt, die damit einhergehen. Wer hat das Artwork erstellt, war es deine Idee oder hat der Künstler eine persönliche Verbindung zu dir?
Satyra: Ich bin so glücklich damit wie das Album Artwork herauskam. Ja, ich habe das Artwork auch selbst erstellt. Es ist ein Bild einer meiner Bandkollegen, einer dieser Männchen, die ich auf der Bühne bei mir habe. Diese Männchen verkörpern so viele Konzepte, mit denen ich in meiner Musik und meiner Band spiele. Die Dualität zwischen dem Organischen und dem Unorganischen, und dem Paradoxon des Gebrochen seins und doch mit Leben und Präsenz erfüllt zu sein.

Fast hätte ich gesagt, das Album Cover ist ein Selbstportrait von meinem emotionalen Standpunkt zu jener Zeit

Schon früh hatte ich diese Vorstellung von einem Album Cover. Ein Portrait eines zerschmetterten Körpers. Irgendwo zwischen menschlich und unmenschlich. Allerdings ist die emotionale Färbung nicht die eines Scheiterns, eines Verlustes. Die Figur in dem Portrait schaut nicht leidend aus. Sie schaut zurück, lebendig und bissig. Ich bin gebrochen. Und ich bin kraftvoller denn je.

Fast hätte ich gesagt, es ist ein Selbstportrait von meinem emotionalen Standpunkt zu jener Zeit, aber offensichtlich ist es nicht mein physisches Selbst. Ich schätze, das macht in vielerlei Hinsicht Kunst aus, oder?

Musik als Stärkung der eigenen Resilienz

Ingo: Wie ich finde, wird dein Kampf zwischen deiner Krankheit und deinem Willen konstruktive Arbeit zu leisten in den Texten von Technopagan und in der Aggression der Musik sehr deutlich. Hat diese transportierte Aggression geholfen mit den Einschränkungen fertig zu werden, die du hattest / hast?
Satyra: Absolut. Durch solche intensiven und unsicheren Gesundheitsprobleme zu gehen und keine Ahnung zu haben was da eigentlich vor sich geht ist eine traumatische Erfahrung. Wie ich in einigen Texten bemerke, Behinderungen bedeuten dauernd um sich selbst zu trauern. Wer wir vorher waren und was unsere Körper nun zu leisten imstande sind. Dieses Projekt half mir diese Trauer auszudrücken und zu einem Stadium des Friedens zurückzukehren, immer und immer wieder.

Es erinnerte mich durch einen Beweis daran, dass mein Leben und meine Träume nicht vorüber sind und dass meine Fortschritte nun langsamer und ein bisschen verrückter sind, aber dass mein Leben immer noch voll ist und viele meiner Träume immer noch in Reichweite sind. Die Veröffentlichung dieses Albums war ein großer Traum für mich.

Ich würde schon gerne in den nächsten Jahren eine europäische Tour machen, wie es meine Gesundheit zulässt.

Ingo: Leider hatten wir hier in Europa bislang nicht die Möglichkeit dich und deine Robot Band live zu sehen. Denkst, das wird sich in Zukunft ändern? Oder lass es mich korrigieren, wann wird es geändert?
Satyra: Eines Tages wird es passieren! Ich würde gerne durch Europa touren. Wie ich erwähnte, habe ich Live Shows gemacht, aber getourt habe ich aufgrund der körperlichen Beanspruchungen bislang nicht. Aber ich arbeite zuhause an meiner Gesundheit, so dass ich in der Lage sein werde auf Tour zu gehen. Möglicherweise wird es die langsamste Tour sein, die du jemals gesehen hast, mit einer Show pro Woche oder so. Glücklicherweise ist meine Arbeit geographisch flexibel, vielleicht kann ich es also möglich machen. Ich würde schon gerne in den nächsten Jahren eine Europatour machen, wie es meine Gesundheit zulässt. Ich kreuze meine Finger.

Ingo: Da Technopagan ja einen Prozess, einen Weg reflektiert: Hast du schon ein Konzept für dein nächstes Album? Wird es anders sein und einen anderen Standpunkt präsentieren?
Satyra: Ob du es glaubst oder nicht, trotz des deutlichen thematischen Bogens von Technopagan gehe ich meine Musik zunächst mit den Kompositionen an und lasse daraus dann die Themen entstehen. So ist es einfacher für mich mit der Musik zu denken, um dann auf sie zurückzuschauen und festzustellen, worum es ging und richte die Texte danach dann aus.

Veränderung der eigenen Arbeitsprozesse

Mit dem im Hinterkopf, begann ich damit an einigen Kompositionen zu arbeiten. Ich wollte einige der technologischen, rhythmischen und melodischen Möglichkeiten der Instrumentierung ausloten. Glasshole war der letzte Song, den ich für Technopagan geschrieben habe, und für mich war es ein Versuch in Sachen Phasierung; der Song ist im Ganzen aus sechs Noten und vier Rhythmen komponiert, und diese simplen Puzzleteile durch den Song auf verschiedenen Wege zu verbinden schaffte ein komplexes und erfüllendes Stück. Ich wünsche es mir dieses Konzept noch weiter auszuloten sowie weitere ähnliche mit Gitarren, möglicherweise mehrfachen Gitarren, dem Schlagzeug und so weiter. Ich würde desweiteren noch Genre übergreifende Elemente einwerfen, wie beispielsweise einige Doom Elemente mehr.

Das mag jetzt in der Art wie es beschrieben wird steril klingen, aber Technopagan begann mit sehr ähnlichen, abstrakten Ideen und dem Ergebnis mangelte es nicht an emotionaler Dichte. Ich denke, es ist einfach die Art wie ich vorgehe, zunächst die musikalische Leinwand zu setzen um dann, wenn alles richtig sitzt, zu schauen, was dabei herauskommt. Ich bin genauso gespannt darauf wie du es bist, welche Gefühle und Themen entstehen, wenn die Musik weiter Form annimmt.

Offensichtlich sind meine Abläufe und Prozesse mit den ganzen Roboter und allem sehr einzigartig. Daher müssten die Musiker bereit sein andere Arbeitsweisen auszuloten.

Ingo: Wie steht es mit einer Zusammenarbeit mit anderen Musikern? Gibt es Pläne und einen Musiker, mit dem du am liebsten zusammenarbeiten möchtest?
Satyra: Gute Frage, das ist auch eine Sache, die ich in kommenden Alben weiter erkunden möchte. Ich hatte das Glück auf diesem Album mit zwei Musikern zusammenzuarbeiten, beides Sänger und ich mag den einzigartigen Sound, den sie mit sich bringen. Mit anderen Musikern zusammen zu arbeiten ist ein echter Gewinn.

Eine Zusammenarbeit mit anderen Künstler erfordert Arbeit beiderseits, die sich auszahlt

Ich möchte gerne mit weiteren Sängern zusammenarbeiten. Und ich möchte gerne andere Instrumentierungen und Stile erkunden. Im Speziellen wäre es interessant mit einer Brass Instrumentierung zu arbeiten. Ich ziehe da Inspirationen vom After here Album von Ihsahn. Weiterhin wäre es spannend mit Trap Künstlern zusammenzuarbeiten und einfach etwas machen, was noch niemand zuvor gehört hat. Definitiv experimentelles Zeug.

Offensichtlich sind meine Abläufe und Prozesse mit den ganzen Roboter und allem sehr einzigartig. Daher müssten die Musiker bereit sein andere Arbeitsweisen auszuloten. Diese Prozesse zu teilen ist für mich allerdings die größte Freude.

Ingo:  Welche Bands und Musiker beeinflussen dich am meisten, gibt es Einflüsse von außerhalb?
Satyra: Auf der Metal Seite gehörten Portal und Liturgy zu meinen größten Einflüssen. Ich liebe ihre Rohheit und ihren Willen zu experimenten und speziell an Liturgy mag ich total ihre Fähigkeit dieses aus einer tiefen Emotionalität zu tun. Auf der Unterhaltungsebene ist es möglicherweise Dan Deacon. Ich mag einfach die Art und Weise wie er seinen alle Sinne stimulierenden Weg auf einen kompositorischen Minimalismus eines Phillip Glass setzt. Das ist brillant. Genau war auch Moritz Simon Geist ein großer Einfluss im Bereich der Roboter. Er ist schlicht und einfach ein Roboter Zauberer.

Wenn du das, was du tust liebst, dann ist das was du tust verdammt fantastisch.

Ingo: Die letzten Worte in diesem Interview gehören dir. Hast du Ratschläge an unsere deutschsprachigen Leser?
Satyra: Danke vielmals an jeden, der an meiner Band und meiner Musik Interesse zeigt. Es fühlt sich jeden Tag unwirklich an, dass ich es letztendlich geschafft habe dieses verrückte Projekt zum Leben zu erwecken und dass ich wirklich stolz auf die Musik bin, die ich mache. Das ist erst der Anfang und ich bin so dankbar für jeden der mich auf diesem Abenteuer begleitet.

Und was Ratschläge betrifft, es gibt immer jemanden der das was du tust für dumm hält und die Musik, die du machst, für schlecht erklärt. Auch dann das, was du tust so cool ist wie Heavy Metal Roboter zu bauen. Hör nicht auf diese. Folgen deinem Herzen, sei geduldig und sei zu dir gütig. Wenn du das, was du tust liebst, dann ist das was du tust verdammt fantastisch.


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