Heavy Feather – Mountain Of Sugar – Album Review

Heavy Feather – Mountain Of Sugar
Herkunft:
Stockholm / Schweden
Release:
09.04.2021
Label: The Sign Records
Dauer:
38:28
Genre:
Retro Rock / Blues Rock


Die 1960er und 1970er waren legendär und die Rockmusik entfaltetet sich wie ein Schwall von wunderschönen, duftenden Blumen auf einer Wiese.

Das war so beeindruckend, dass es immer noch gut in der Erinnerung der Menschen haftet, aber die Rockmusik seitdem nur noch vereinzelt beachtenswerte Blätter und Triebe schiebt. Lediglich einem harten Ableger, Heavy Metal genannt, gelang es in den 1980er Jahren noch einmal aufsehenerregende Blüten zu treiben.

Da sich auch in den kommenden Jahren nur begrenzt Geld aus der Rockmusik schlagen ließ, wurde die abgeblühte, aber nicht tote Pflanze auf der Fensterbank immer weiter zur Seite geschoben. Trotzdem gibt es immer noch Menschen, die sich gut an diese Zeit zurück erinnern und das Gefühl von Freiheit, handgemachter Musik und neuer, kreativer Wege vermissen und deshalb danach suchen.

Auf der Hatz nach dem Retrofeeling gehen Bands die verschiedensten Wege. Die meisten knüpfen an Bekanntes an und versuchen zu klingen wie ihre großen Vorbilder. Nur ganz wenigen ist es wirklich gegeben, dabei aus dem Schatten der großen Erinnerungen zu treten.

Ein Wechselspiel von Gänsehaut und Begeisterung

Heavy Feather aus Schweden sind solch eine Band, die gerade erblüht. Mountain Of Sugar ist ihr zweites Album nach Débris & Rubble aus dem Jahr 2019. Nur anhand der modernen Produktion lässt sich erahnen, dass Heavy Feather dem 21.Jahrhundert entstammen. Das musikalische Verständnis, die Kreativität und der gesamte Kontext des Schaffens liegt wohl weit vor der Geburt der Bandmitglieder. Kommt dann noch eine Ausnahmestimme wie die von Lisa Lystam dazu, dann ist Zeit für ein Wechselspiel von Gänsehaut und Begeisterung.

Wird der Opener 30 Days anfangs noch vom Gitarrenriff und Basslinie vorwärts getrieben, gewinnt Lisa Lystam mit ihrer Stimme immer mehr die Oberhand und wird fast zum Alleinstellungsmerkmal.
Doch Heavy Feather sind kein weibliches Soloprojekt, denn neben der beeindruckenden Stimme und der perfekten Rhythmusfraktion ist da vor allem noch einiges an Platz für die einnehmende Gitarre von Matte Gustafsson. Er bekommt nicht nur einmal die Chance sich durch spontan klingende Soli und kurze Improvisationen auszuzeichnen, sondern bildet den schwergewichtigen Ausgleich zur unglaublich singenden Lisa Lystam.

Wie genial diese Stimme ist, könnt ihr HIER am Anfang von Bright In My Mind nur ahnen. Ab dem Refrain läuft es mir eiskalt den Rücken runter und ich bin kurz vor dem Durchdrehen. Auch das folgende Love Will Come Easy hat Ohrwurmqualitäten. Hier kommt das Spiel zwischen Gitarre und Stimme noch mehr zu Tragen.

Es folgen bluesige Rocker wie der Titeltrack Mountain Of Sugar HIER mit seinem stampfenden Rhythmus und Mundharmonikaeinlagen und ein Too Many Times, dass einem das Riff der Slide-Gitarre so tief in den Kopf pflanzt, dann man sich stundenlang später noch beim leisen Summen der Melodie erwischt.

Warum holt er jetzt nicht die 10 aus der Tasche?

Eigentlich hätten Heavy Feather sich das bis hierher verdient und trotzdem zögere ich zurück, denn es gibt Momente im zweiten Teil des Albums, wo ich noch Potential sehe. So ist mir das zarte und balladeske Let It Shine trotz spaciger Effekte nicht emotional oder abgefahren genug ausgefallen.

Während Come We Can Go mit seinem Boogie-Rhythmus und dem Klang einer Kuhglocke Südstaatenfeeling ausstrahlt, ist das folgende Sometimes I Feel mir nicht groß genug für das Album ausgefallen. Vermutlich liegt es auch daran, dass zur Abwechslung hier anstatt Lisa wohl Matte singt. Er macht das gut, aber kann ihr einfach nicht das Wasser reichen. Man kann diese Idee als abwechslungsreichen Tupfer auf dem Album ansehen, aber auf mich wirkt es deplatziert.

Erst Lovely Lovely Lovely bringt mich zurück auf den Pfad des Träumens und des Schwärmens – besonders gegen Ende, wenn die Band, allen voran wieder Matte an der Gitarre, austickt und gekonnt improvisiert. Mit den Songs Rubble & Débris und dem ruhigen Asking In Need gelingen zwei weitere gute, aber nicht überragende Songs. Ich gebe zu, dass Lisa Lystam auch in leisen Tönen schön und getragen singen kann, aber dieses große und warme Gefühl stellt sich hauptsächlich bei den lauten, kräftigen Tönen ein.

Im direkten Vergleich zum Vorgänger…

… ist Mountain Of Sugar rockiger ausgefallen und wirkt an vielen Stellen durch eine Vielzahl von Improvisationen großzügiger und spontaner. Das Rockige kommt nicht nur beim sparsameren Einsatz der Mundharmonika zum Ausdruck, die gesamte Dynamik und Gitarrenarbeit hat sich verändert.

Auch wenn Matte Gustafsson an der Gitarre noch mehr als auf dem Erstling brilliert, hat für mich die Gesangsleistung von Lisa den größten Sprung nach vorne getan. Die Anforderungen an ihre Stimme, in den rauen und lauten Tönen diese Emotionen freizusetzen, sind so noch nicht auf dem Vorgängeralbum enthalten.


Fazit
Heavy Feather klingen großartig und absolut authentisch. Mountain of Sugar besteht aus einer weltmeisterlichen A- und einer guten B-Seite. Damit schaffen es die Schweden noch nicht auf dem Thron, aber stürmen mit blankem Schwert bereits in die Burg. Der nächste Streich wird königlich
Hierfür eine 8,5 / 10

Line Up
Lisa Lystam – Gesang
Matte Gustafsson – Gitarre
Ola Göransson – Schlagzeug
Morgan Korsmoe – Bass

Tracklist
01. 30 Days
02. Bright In My Mind
03. Love Will Come Easy
04. Mountain Of Sugar
05. Too Many Times
06. Let It Shine
07. Come We Can Go
08. Sometimes I Feel
09. Lovely Lovely Lovely
10. Rubble & Débris
11. Asking In Need

Links
Facebook Heavy Feather
Bandcamp Heavy Feather


Außerdem auf Soundmagnet.eu
Album Review – Turtle Skull – Monoliths
Interview – Second Sun, Nachgefragt bei Jacob Ljungberg
Kolumne 
Sammler und Jäger – von Musikleidenschaft und Sammelwut

Cooler Artikel? Diskutiere mit auf Facebook!
[Total: 4 Average: 5]
Teile diesen Inhalt mit anderen