Issue oder Reissue – Der direkte Vergleich aus meinem Plattenschrank – Kolumne

In der heutigen Kolumne Issue oder Reissue – Der direkte Vergleich aus meinem Plattenschrank stelle ich euch ein bekanntes Album gleich zweimal vor. Die perfekte Sonntagslektüre.


Aus meinem Plattenschrank krame ich heute eine ganz persönliche Geschichte heraus. Wish you were here von Pink Floyd. Eines, aus meiner Sicht, der großartigsten Alben, die der Progressive Rock zu bieten hat. Ich höre dieses Album heute zwei Mal. Die eine Platte ist 35 Jahre alt. Gepresst in Deutschland im Jahr 1975. Die andere ein UK-Reissue von 2016. Heute also mal Alt VS Neu.

Der erste Durchgang auf meiner 1975’er Scheibe. Die Nadel senkt sich, schon beginnt das regelmäßige Kaschick – Kaschick – Kaschick, das ich von dieser Platte nicht anders kenne. Mit ihrem Alter hat sie auch viele derbe Spuren erhalten. Seite A ist nicht ohne Nebengeräusche. Erst zum Ende hin wird es besser. Sie bedeutet mir aber viel. Und hier wird es zur persönlichen Geschichte.

Diese Platte habe ich von meiner Großmutter geschenkt bekommen. Sie muss wohl meinem Großvater gehört haben. Beide besitzen aber keinen Plattenspieler mehr, also habe ich sie erstmal genommen. Damals besaß ich auch noch keinen und es sollte noch lange so bleiben. Es vergehen Jahre, während die Platte im Schrank einstaubt. So wie mein Drang, neue Musik kennenzulernen. Musik zu genießen.
Es kam der Tag, als ein alter DDR-Plattenspieler in meinem Arbeitszimmer landete. Da erinnerte ich mich, dass doch irgendwo noch diese alte Platte mit dem Typen in Flammen auf dem Cover stehen muss. Ich nahm sie raus, legte auf und in meinem Kopf entbrannte ein Feuerwerk. Das klare Gitarrenspiel David Gilmours in Shine on you Crazy Diamond. Dann der harte Wechsel zum düsteren Maschinensound in Welcome to the Machine. Es waren im Grunde nur zwei Titel auf der ersten Seite, aber wie der Typ auf dem Cover stand nun ich in Flammen. Diese Platte ist 13 Jahre älter als ich, aber selbst aktueller Musik in so vielem Voraus. Mir war gar nicht klar, dass mein Großvater, den ich eher als Anhänger der Beatles kenne, solch gute Musik gehört hat.

Mittlerweile, Welcome to the Machine hat gerade begonnen, hört man das Kaschick – Kaschick – Kaschick nur noch, wenn man es sucht. Die Höhen sind klar, in den Mitten stimmts. Allein der Bass könnte vielleicht etwas satter sein. Insgesamt hallt es düster-melancholisch im Zimmer während David Gilmour einen, begleitet durch bedeutungsschwere Synthesizer, weiter in die Maschinerie singt. Pause. Seitenwechsel.

Come in here, dear Boy, have a cigar. Das Thema und den Hintergrund der Scheibe muss man heute kaum mehr erläutern. Pink Floyd besingen die Schattenseiten des Musik-Business, vor allem aber den Zerfall des Bandgründers und Freundes Syd Barret – dem Crazy Diamond. Mit dem Titelsong folgt mein Lieblingslied des Albums, aber es ist geplagt vom Knistern und Rauschen und gerade als Gilmour ansetzt zum emotionalen How I wish, how I wish y – springt die Platte. Stimmung dahin. Auch der folgende Abschluss des Albums wird von einem regelmäßigen Klick begleitet.

Ich liebe diese Platte, aber in der Form ist sie unspielbar. Eine neue Platte muss her. Die Alte soll aber ihren gebührenden Platz im Rahmen an der Wand erhalten. Und erneut sollen meine Großeltern sie mir schenken, sie suchten eh nach einem Weihnachtsgeschenk. Und damit kommen wir zu Durchgang 2. Dem Reissue.

Die Nadel sinkt auf die deutlich schwerere 180g Platte. Stille durchzieht den Raum, bis sphärisch der Ton in den Vordergrund kommt. Abgesehen vom fehlenden Kaschick – Kaschick – Kaschick, alles wie zuvor. Aber Moment. Zwischendurch sind nun neue Klänge – leise Glöckchen – zu hören. Das ist neu. Oder mir bisher nicht aufgefallen. Gilmours Gitarre erklingt, klarer und deutlicher als zuvor. Und nach der berühmten Tonfolge (A#, F, G, E) dröhnt satt der frisch remastered Bass aus den Boxen. Ein Erlebnis. Auch Welcome to the Machine klingt dadurch noch einmal deutlich düsterer, fast bedrohlich.

Doch viel wichtiger: was ist mit Wish you were here? Es erklingt so klar wie nie zuvor und ich bereue wie damals, als ich die Scheibe zum ersten Mal hörte, Pink Floyd nicht schon früher kennengelernt zu haben. Das neue Abmischen dieses Albums hat sich deutlich gelohnt. Hier ist Neu wirklich mal besser, selbst wenn man sich die störenden Nebengeräusche der alten Platte weg denkt. In meinen Augen.

Aber keine persönliche Geschichte ohne Plot-Twist. Zurück zum jüngst vergangenen Weihnachtsfest. Ich wickelte diese Platte also aus, wissend was unter dem Geschenkpapier ist und aus dem Raum rief jemand: Ah, diese Platte hatte ich früher auch mal. Die habe ich mir heimlich gekauft, wegen einem Lied.

Es war meine Tante. Es stellte sich heraus, dass die Platte von 1975 – die in meinem Besitz – eigentlich ihre war. Dieselbe Tante, die vor 20 Jahren einem 12-Jährigen, ohne das Wissen seiner Eltern, eine ganz besondere CD in die Hand drückte (Linkin Park – Hybrid Theory), die ihm die Welt des Rock und Metal eröffnete und ihn 20 Jahre später zu Soundmagnet führen sollte. An dieser Stelle also mal ein Danke an Tante Nana.


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