Record Store Day – Black Friday 29.11.2019 – Fluch oder Segen?

Vinyl war für mich in den 80ern das Tonträgermaterial schlechthin. Jeden Pfennig habe ich damals gespart, um mir die neuesten Scheiben der damals gerade aufstrebenden NWOBHM-Helden zu kaufen –  Maiden, Priest, Motörhead, Def Leppard, Venom, Tank – es schienen jede Woche zig neue Bands entdeckt werden zu wollen. Zumeist wurde ich da in den örtlichen Plattenläden fündig, die entweder gut sortierte Heavy Metal-Bereiche hatten oder es waren richtige, auf Metal/Punk spezialisierte Fachgeschäfte. Platten wurden zum Teil nur nach dem Artwork gekauft (Maiden/Number of the Beast oder Tygers Of Pan Tang/Crazy Nights), denn reine Fachmagazine wie heute waren auch noch in weiter Ferne. Bravo und andere Teenie-Magazine lieferten zu der Zeit nur spärliche Informationen zum Thema.

Mit Musikkassetten konnte ich dagegen nie etwas anfangen. Gut für den fahrbaren Untersatz, um die Mitfahrer und die Umgebung ausgiebig zu beschallen, waren sie unabdingbar, da taugte mein Lieblingsmedium nicht wirklich was. Aber zu Hause, wenn die Nadel leise knisternd aufsetzte, da war die Welt einfach in Ordnung – Musik an, Welt aus! Gekauft wurde, was einem in die Finger fiel oder von Freunden empfohlen wurde. Vinyl war zu der Zeit, zumindest was ich in den Läden fand, immer schwarz! Daran gab es für mich lange gar keinen Zweifel. Später entdeckte ich auch den Versandhandel für mich, Govi und Fat Cat haben einiges von meinem kargen Azubi-Lohn verschlungen. Da gab es zu meiner Faszination auch bunte Picture Discs, oder auch mal eine rot-transparente Single von Rainbow (L.A. Connection) und eine in Silber (Witchfinder General – Music). Das war für mich, als hätte ich sowas wie die Blaue Mauritius des Vinyl erstanden. Heutzutage kann ich darüber nur schmunzeln.

Als Vinyl Mitte der 90er fast vollständig von der CD verdrängt wurde, bin auch ich im Glauben gewesen, die Schallplatte wäre nicht länger überlebensfähig. Zu offensichtlich schienen die Vorteile des digitalen Mediums und somit ging leider auch meine Orientierung bei den Neukäufen Richtung CD. Auf den damals schon lebhaften Plattenbörsen konnte man die inzwischen von vielen ungeliebten Schallplatten zu Schnäppchenpreisen erwerben. Vinylneuheiten habe ich mir auch nur noch sporadisch gegönnt, Picture Vinyl (Iron Maiden/Brave New World, 2000 – Iced Earth/ Alive in Athens, Pic.Vinyl Box  1999) oder schöne Editionen mit alternativem Artwork (Aerosmith – Nine Lives, 1998), für die heute horrende Preise aufgerufen werden.Wer hätte 1984 gedacht, mit dem Bathory Debütalbum 35 Jahre später vierstellige Summen erzielen zu können?

Der erste Record Store Day wurde 2008 von Plattenläden in den USA ins Leben gerufen (in Deutschland seit 2012), um die Kunden mit speziellen Angeboten wieder in die kleinen Läden zu locken und dem ansteigenden Online-Handel entgegenzuwirken. Der Fokus lag schnell auf Vinyl, um auch dieses Medium vor dem Aussterben zu bewahren, so dass 2012 erstmals wieder steigende Absatzzahlen verbucht werden konnten. Dabei werden speziell für diesen Tag ca. 500 verschiedene streng limitierte Sammlerausgaben gepresst, die nur in speziell für den Record Store Day angemeldeten Läden erworben werden können. Allerdings hat die Musikindustrie diesen Trend schnell aufgegriffen und befeuert mit zum Teil sinnfreien Re-Releases den ohnehin schon gesättigten Markt. Die einstmals gute Idee wird inzwischen leider zum Massenkonsum misbraucht.

Mittlerweile könnten die Umsatzzahlen der Langspielplatte (nicht die Absatzzahlen) erstmals seit 1986 die der CD wieder übersteigen. Das bringt mich aber auch an den Punkt, an dem ich mir die Frage stelle, ob mir die Industrie meine Liebe zur Schallplatte mit der Überschwemmung des Marktes nicht wieder ein wenig vermiest. (Fast) jeder Release ist in zig veschiedenen streng limitierten Farben erhältlich, zusätzlich überschwemmen zahlreiche Re-Releases den ohnehin schon überfüllten Markt. Der Record Store Day findet normalerweise traditionell immer am 3. Samstag im April statt, seit einigen Jahren jedoch wird auch ein Record Store Day Black Friday eingeführt, um die Umsatzzahlen weiter anzukurbeln. Frei nach dem Motto: Man muss die Kuh melken, solange sie noch Milch gibt.

Wie empfindet ihr diese Entwicklung? 

Links:
Alle Infos zum RSD Black Friday online

 

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