Cult of Lilith – Nachgefragt bei Daniel Þór Hannesson – Interview

Cult of Lilith haben sich mit Mara ihre ganz eigene Nische im Technical Death Metal eingerichtet. Gitarrist Daniel Þór Hannesson hat uns zu diesem Anlass einige Fragen über Mystizismus, barocke “Nekromechanik” und Albträume beantwortet.

The original interview in English can be found HERE.


Markus (Soundmagnet): Hallo und danke für das Interview. Mara ist Euer erstes Full-Length-Album und nach einem Dämon benannt, der mit Schlaflähmung in Verbindung gebracht wird. Lilith ist auch eine sehr prominente, mythische Figur. Kannst du uns etwas über das mythologische Konzept erzählen und was euch so sehr an dunklen, mystischen Figuren und Geschichten fasziniert?
Daniel: Hallo, es ist mir ein Vergnügen! Ich war schon immer fasziniert von Mythologie und Folklore, besonders von der dunkleren Art mit unheimlichen Untertönen. Es ist schwer zu sagen, was mich daran so anzieht, vielleicht die mystische oder ahnungsvolle Natur davon.
Als ich über Lilith las, fand ich sie perfekt für einen Kult, da sie diesen unglaublich tiefen mythologischen Hintergrund aus verschiedenen Quellen hat, die Jahrhunderte und sogar Jahrtausende zurückreichen. Mara hat einige Gemeinsamkeiten mit Lilith, da beide mit Träumen und Albträumen verbunden sind. Weil sich der lyrische Inhalt des Albums wie eine Mischung aus Albträumen anfühlt, hielten wir Mara für einen passenden Albumtitel.

Markus: Die Lieder auf Mara vereinen viele verschiedene Musikstile. Ihr nennt eure Musik “Nekromechanischer Barock”. Wie seid ihr auf diesen Genre-Namen gekommen und wie würdet ihr eure Musik jemandem beschreiben, der noch nichts von euch gehört hat?
Daniel: “Nekromechanisch” ist eigentlich nur ein etwas anderer Name für mechanisch klingenden Death Metal. So ähnlich wie frühere Decapitated oder Meshuggah. Die Art von Death Metal, die dieses super enge und präzise mechanische Gefühl hat, wie Zahnräder, die sich in einer komplexen Maschinenstruktur drehen. Kombiniert man das mit dem Einfluss klassischer oder barocker Musik mit ihrem melodischeren und leidenschaftlicheren Ansatz, kann man sich vorstellen, wie wir klingen.
Wir beziehen auch viele andere Einflüsse mit ein, aber diese Klassifizierung klingt gut. Sie eignet sich auch gut für den visuellen Aspekt. Die Gegenüberstellung von warm und bunt, elegant und alt und mit dem eher kalten und futuristischen, dystopischen Sci-Fi. Wie ein barockes Gemälde von H.R. Giger.

Markus: Die Resonanz auf das Album war bisher sehr positiv. Wie empfindet ihr es, mit eurem ersten Album bereits so viel positive Aufmerksamkeit zu bekommen?
Daniel: Das positive Feedback war einfach überwältigend und hat die Erwartungen übertroffen. Ich bin einfach sehr dankbar dafür, dass ich Teil eines so großartigen Projekts bin und dass die Menschen eine Verbindung zu diesem Projekt aufbauen.

Markus: Ihr habt auch ein Video für die zweite Single, Purple Tide, veröffentlicht. Das Video erzählt eine interessante Rachegeschichte. Was ist der Hintergrund hinter dem Lied und dem Video?
Daniel: Lyrisch basierte er auf einer Gruppenvergewaltigung in Spanien, der aufgrund eines inkompetenten Justizsystems eine schreckliche Lösung hatte. Es hatte große Auswirkungen auf unseren Sänger Mario, der aus Spanien stammt, und ließ ihn vor Wut kochen.
Das Lied handelt von einem Opfer, das mit übernatürlichen Kräften ausgestattet wird, sich in einen rachsüchtigen Geist in Form einer Sirene verwandelt und sich an den Tätern rächt. Das Video basiert auf diesem Konzept, und wir haben auf Youtube einen Blick hinter die Kulissen geworfen, der einen Einblick in die Entstehung des Videos und in das, was es inspiriert hat, gewährt.

Markus: Gibt es auf dem Album ein bestimmtes Lied, das dir selbst besonders gut gefällt? Wenn ja, welches Lied und warum?
Daniel: Es fällt mir schwer, mich zu entscheiden! Ich mag sie alle.

Markus: Eure Songstrukturen sind ziemlich komplex und kombinieren, wie bereits erwähnt, verschiedene Stile. Wie lange braucht ihr von Grund auf, um einen Song zu schreiben? Wie können wir uns den Entstehungsprozess eurer Musik vorstellen?
Daniel: Es kommt wirklich darauf an. Manchmal ist der Arbeitsablauf wirklich gut und ich schaffe es, den ganzen Song in ziemlich kurzer Zeit zu schreiben. Manchmal stecke ich dabei für viele Monate oder in seltenen Fällen sogar Jahre fest! Ich möchte niemals Kompromisse eingehen und dem Song Teile hinzufügen, die mir nicht wirklich gefallen, also warte ich lieber auf Inspiration.
Das Lied Comatose zum Beispiel ist eine Zusammenstellung von Teilen, die ich vor vielen Jahren geschrieben habe, noch bevor die Arkanum-EP veröffentlicht wurde, und einige neuere Teile, die ich erst kürzlich geschrieben habe. Ich habe schließlich den richtigen Weg gefunden, all diese verschiedenen Teile zu einer Art Frankensteins Monster zusammenzufügen und den Song so zu beenden, dass ich mit allen Komponenten, aus denen er besteht, zufrieden bin.

Markus: Es dauerte circa 4 Jahre von eurer ersten EP bis zu eurem ersten Full-Length-Album. Müssen wir wieder so lange auf das zweite Album warten?
Daniel: Das lag zum Teil daran, dass der Aufnahmeprozess, die Suche nach einem Label und schließlich die Verhandlungen mit Metal Blade Records so lange dauerten. Wir mussten sichergehen, dass wir die Dinge richtig machten, und es hat sich ausgezahlt. Abgesehen davon sollte es auf jeden Fall nicht so lange dauern, bis die nächste Platte herauskommt, im Idealfall haben wir es mit etwa 2 Jahren zu tun.

Markus: Normalerweise gehen Bands nach einer Veröffentlichung auf Tournee, im Jahr 2020 ist dies nicht ohne weiteres möglich. Können wir damit rechnen, euch im deutschsprachigen Raum live zu sehen, sobald es wieder möglich ist?
Daniel: Auf jeden Fall! Wir können es kaum erwarten zu touren und würden gerne Österreich und alle deutschsprachigen Länder besuchen!

Markus: Einige Metal-Bands traten bereits mit Orchester auf, aber ein orchestriertes Progressive Death Metal-Konzert wäre trotzdem noch etwas völlig Neues. Was hält ihr von der Idee, mit einem Orchester aufzutreten?
Daniel: Das wäre wirklich ein wahr gewordener Traum! Ich bin ein großer Fan von Dimmu Borgir und der Art und Weise, wie sie Orchesterkompositionen einbauen, hat mich sehr beeindruckt. Hoffentlich können wir das eines Tages auch tun.

Markus: Island ist für viele aufregende Metal-Acts bekannt. Aber uns interessieren vor allem die Geheimtipps. Welche isländische Band kannst du uns empfehlen, die im deutschsprachigen Raum noch eher unbekannt sind?
Daniel: Es gibt einige großartige Bands hier in Island! Ich empfehle dringend, sich Kaleikr und Grave Superior anzuhören, die enge Verbindungen zu unserer Band haben. Auch Zhrine, Helfró und Ophidian I sind fantastisch!


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